Der Trend zum  Bürger-TÜV im Internet

Eine Bewertung im Internet abzugeben hat Konjunktur. „Ich bewerte – also bin ich“. Hotels, Produkte, Dienstleistungen, Einkäufer, Verkäufer etc. werden bewertet und kommentiert. Der Internetnutzer ist nicht mehr auf die Empfehlung aus dem Bekanntenkreis angewiesen, sondern kann sich auf unzähligen Bewertungs-Plattformen informieren.  Nun kommt ein weiteres Bewertungsportal der AOK und Barmer GEK – Krankenkassen dazu. Nach einem Testlauf bei 45.000 Versicherten in Thüringen, Hamburg und Berlin gehen die beiden Kassenverbände mit einem eigenen Online-Bewertungsportal für niedergelassene Ärzte bundesweit an den Start. Vollmundig ist von einem „Baustein für mehr Qualität“ in der ärztlichen Versorgung die Rede. Gleichzeitig wird der Eindruck höchster Objektivität geweckt, weil es keinen Freitext für persönliche Kommentare gibt. Die 33 Fragen des Online-Fragebogens sind standardisiert. Der Schwerpunkt des Fragenkatalogs liegt auf der Praxisorganisation und auf der Arztkommunikation.

Die Bürger-Meinung zählt

Qualitätsmanagement und Qualitätszertifizierung, fachlich fundierte Beurteilungen und professionelle Meinungen scheinen im Internetzeitalter passé. Die Meinung des Bürgers zählt. Dabei gelten nicht immer faire Regeln oder spielen qualitative Kriterien eine Rolle. Die eigene Meinung der ganzen Welt kundtun, den Frust loswerden und dabei noch durch einen nick-name geschützt sein – Cyber-Mobbing lässt grüßen. In diesem Punkt hebt sich das neue Bewertungsportal für Ärzte positiv ab. Es gibt keine Freitext-Fläche, in der Schmähbeurteilungen abgegeben werden können.
Die Bewertung von Ärzten im Internet stellt dennoch eine besondere Herausforderung dar. Wie beurteilt der Laie medizinisches Fachwissen? Wie beurteilt er den medizinischen Erfolg? Die Initiatoren wiesen dann auch selbst auf die Grenzen ihres Projektes hin. Der Informationsaustausch von Patient zu Patient könne natürlich keine Versorgungsforschung ersetzen, sagte Vizevorsitzende der Barmer GEK Schlenker. Patienten können zwar ihre Eindrücke schildern, nicht aber Ergebnisqualität bewerten. Und das, so bekommt der Leser den Eindruck, soll er auch gar nicht.

Minderheiten-Meinung als Mehrheitsmeinung

Problematisch erscheint, dass quantitative Kriterien zur Maßeinheit von Objektivität erhoben werden. 10, 50, 100 positive Bewertungen – da kann ich mich doch drauf verlassen. Den Fragebogen können bisher nur Mitglieder der beiden Krankenkassen AOK und Barmer GEK ausfüllen, sie müssen sich mit ihrer Versichertennummer anmelden. Jedes Mitglied kann den Arzt nur einmal bewerten. Damit soll Missbrauch ausgeschlossen werden. Die beiden Kassen werben mit knapp 30 Millionen Versicherten, die an dieser Bewertung teilnehmen können. Aktuelle Mitgliederzahlen belegen jedoch nur 26,6 Millionen. Erst ab 2012 können sich weitere Krankenkassen an dem Portal beteiligen. Was hier als Bewertung von vielen dargestellt wird, ist letztendlich eine Bewertung von wenigen, die auch noch Mitglied in einer der beiden Krankenkassen sein müssen. Und nur ein Teil der Mitglieder wird sich an der Befragung beteiligen: Es gibt vor allem ältere Patienten, die kein Internet nutzen. Die Anmeldebedingung ist  aufwendig. Habe ich überhaupt ein Interesse daran meinen Arzt zu loben, um dann wegen Patientenansturm länger auf Termine warten und im Wartezimmer Platz nehmen zu müssen? Bewerten nicht tendenziell lieber die Unzufriedenen als die Zufriedenen?

Auf dem Online -Bewertungs-Portal der beiden Krankenkassen erscheint bei einem Arzt erst ab einer Anzahl von 10 abgegebenen Bewertungen das „Meinungsbild“ im Portal. Auch dies als Ausdruck eines objektivierten Abbildes. Es bleibt abzuwarten, wie viele Mitglieder sich beteiligen und wann die Bewertung eines Arztes im Portal erscheint. Bis dahin: weiter im Bekanntenkreis fragen.

Weitere Links:

http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=3.71.7962.8198.8578

http://www.internet-law.de/2011/05/interview-zu-bewertungsportalen.html

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