Ausgerechnet zum zehnjährigen Jubiläum von Wikipedia macht die Online-Enzyklopädie mit einem verwirrenden Petitonsaufruf von sich reden. Die nichtkommerzielle Wissensplattform möchte als „digitales Weltkulturerbe“ von der Unesco anerkannt werden. Am Montag veröffentlichte der Unterstützerverein der von Freiwilligen erstellten Online-Enzyklopädie den Aufruf im Internet. Wie Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales der dpa mitteilte, geht es darum, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Wikipedia nicht einfach eine Website sei, sondern ein kulturelles Phänomen. Im Aufruf selber heißt das Ziel: „zu würdigen, was viele Menschen gemeinsam erreicht haben und gleichzeitig den Fortbestand von Wikipedia als freie Wissensplattform sicher zu stellen.“

Digitales Weltkulturerbe gibt es nicht

Die UNESCO hat vier Kategorien um etwas als Weltkulturerbe anzuerkennen.

1. Kultur-und Naturerbe: Es sind Zeugnisse vergangener Kulturen, künstlerische Meisterwerke und einzigartige Naturlandschaften, deren Untergang ein unersetzlicher Verlust für die gesamte Menschheit wäre. Sie zu schützen, liegt nicht allein in der Verantwortung eines einzelnen Staates, sondern ist Aufgabe der Völkergemeinschaft.

2. Immaterielles Kulturerbe: Kulturelle Vielfalt in lebendiger Ausdrucksform (Tanz, darstellende Kunst, mündliche Literaturformen, Sprache und Handwerkstradition und die damit verbundenen verbundenen Instrumente, Objekte, Artefakte und Kulturräume, die Gemeinschaften, Gruppen und Individuen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen, gehören zum immateriellen Kulturerbe. Durch Globalisierungseinflüsse gehen diese Kulturformen in den letzten Jahren beschleunigt verloren.

3. Kulturerbe des Wassers: Archäologisches Kulturgut unter Wasser ist einzigartig. Von der Luft abgeschlossen, ist es in der Regel über Jahrtausende konserviert und ermöglicht Aussagen zur Kultur- und Umweltgeschichte, wie sie aufgrund anderer Quellen nur schwer oder gar nicht gewonnen werden können.

4. Gedächtnis der Menschheit: Seit 1992 geht das UNESCO-Programm „Memory of the World“ Fragen des vielfältigen Dokumentenerbes nach. Was sagen uns überlieferte Sammlungen über wichtige kulturelle Wendepunkte der Menschheit, welchen zeitgeschichtlichen Spiegel halten sie uns vor? Ziel ist es, dokumentarische Zeugnisse von außergewöhnlichem Wert in Archiven, Bibliotheken und Museen zu sichern und auf neuen informationstechnischen Wegen zugänglich zu machen.

Wikipedia ist nicht gefährdet

Grundsätzlich wird von der UNESCO vom Untergang Bedrohtes zum Weltkulturerbe ernannt. Macht sich bei Wikipedia statt Jubiläumsgefühl etwa Untergangsstimmung breit? Wikipedia argumentiert, dass keineswegs alle Menschen einen kostengünstigen Breitband-Internetzugang mit ungehindertem Zugriff auf das ganze Netz haben. Freies Wissen und der Zugang zu freiem Wissen würden auf vielen Ebenen bedroht, beispielsweise durch Bestrebungen, die Netzneutralität aufzuheben, Verschärfungen rechtlicher Vorschriften oder Zensur. Wie aber definiert sich freies Wissen? Kann man das nur über Wikipedia bekommen? Es gibt auch andere Wissensplattformen, auch wenn Wikipedia am meisten verbreitet und genutzt ist. Die Plattform selbst ist nicht bedroht, besonders nicht in Deutschland und hier wurde die Idee geboren.

Antrag ist verbunden mit  Änderung der UNESCO-Statuten

Wikipedia sieht sich als Vorreiter eines Kulturwandels. Nach eigenen Angaben wurde die uralte Tradition des Austauschs von Wissen in das neue, digitale Zeitalter überführt. So sei ein in der Kulturgeschichte bisher einzigartiger Ort des Wissensaustauschs entstanden, und deshalb habe sie als grenzübergreifende, kulturelle Leistung der Menschen die Anerkennung und den Schutz der UNESCO als erstes digitales Weltkulturerbe verdient. „Helfen Sie uns, die Unesco davon zu überzeugen, die Kriterien für die Vergabe des Weltkulturerbe-Status auf das neue, digitale Zeitalter anzuwenden“, heißt es in der Petition. Dass heißt, Wikipedia beantragt die Anerkennung als Weltkulturerbe in dem es die Vorraussetzungen dafür ändern will. Denn Wikipedia mag zwar die inzwischen zusätzlich geschaffenen Kategorien als Weltdokumentenerbe und als immaterielles Welterbe zu erfüllen, doch um diese Einstufungen geht es Wikipedia nicht. Das würde Wikipedia auch nicht erfüllen, denn Ziel der UNESCO ist es, dokumentarische Zeugnisse von außergewöhnlichem Wert in Archiven, Bibliotheken und Museen zu sichern und auf neuen informationstechnischen Wegen zugänglich zu machen.

Eine weitere Crux der Geschichte: Ein Weltkulturerbe kann sich nicht selbst bewerben, sondern muss von einem Staat vorgeschlagen werden. Der normale und formale Weg würde Jahre dauern. Aus diesem Grunde wurde zur Beschleunigung des Verfahrens die Petition ins Leben gerufen. Mit diesem Hintergrund könnte man sich fragen, ob Wikipedia den Untergang des digitalen Zeitalters schon vorausahnt und vorsorglich schon mal einen Antrag stellt, um rechtzeitig aufgenommen zu werden. Aber das digitale Zeitalter hat gerade erst richtig angefangen. Von Untergang kann keine Rede sein. Wikipedia argumentiert, sie seien Vorreiter eines Kulturwandels. Der läuft noch. Erst wenn das digitale Zeitalter dem Untergang geweiht ist, ist die Zeit für einen solchen Antrag gekommen.

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