Der Medientheoretiker Michael Seemann definiert das Phänomen Kontrollverlust wie folgt: „Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen
die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.“ Er meint damit, dass wir uns nicht vorstellen können, wie Daten und Informationen interagieren, in welchen Kontexten sie auftauchen, wer sie eines Tages zu welchem Zweck verwenden wird.

Neda kann nicht mehr in ihre Heimat zurück

Die Komplexität der Interaktion von Daten und in welchem Kontext diese zu ihrer Person auftauchen, dürfte auch die Vorstellungskraft von Neda Soltani überstiegen haben. Die Konsequenz dieses Kontrollverlustes bedeutet für die junge Frau, dass sie nicht mehr in ihr Heimatland Iran zurückkehren kann. Zehn Jahre harte Arbeit, in denen sie es zur Dozentin an der Islamic Azad University in Teheran geschafft hatte, eigenes Geld verdiente, mit Freunden ausgehen konnte, sind dahin. Neda Soltani lebt inzwischen als Asylsuchende Deutschland.

Am 20. Juni 2009 wurde eine Frau bei den Demonstrationen im Iran getötet, ihr Bild ging um die Welt – es war meistens das Falsche und zeigte nicht Neda Soltan, 26 Jahre sondern Neda Soltani, 32 Jahre alt. Ein Handyfilm der sterbenden Frau wird unmittelbar nach den Schüssen auf auf Youtube hochgeladen. Fernsehanstalten versuchen die Frau zu identifizieren, sie suchen nach Bildern im Internet. Der Vorname Neda ist im Film zu hören, bald schon kursiert im Netz auch ein Nachnahme: Soltan, Studentin der Islamic Azad University in Teheran. Irgendwer sucht nach ihr in Facebook. Neda Soltani unterhält eine Facebook-Seite, deren Inhalt nur Freunden zugänglich ist , allerdings ist ihr Foto allgemein einsehbar. Jemand kopiert das Foto und noch in der Nacht verteilt sich das Bild über soziale Netzwerke, Blogs und Portale, später senden es alle Fernsehanstalten weltweit – am nächsten Morgen ist es in allen Zeitungen zu sehen. Sie ist jetzt der Engel des Iran!

Man könnte diesen Fall als missglückte Recherche mit dramatischen Folgen beschreiben. In meinen Augen ist es aber eine Verknüpfung verschiedenster Daten: Iran-Opposition-Protest- tote Frau-Neda-Soltan-Foto. Die Netzgemeinde und die im Netz recherchierenden Journalisten haben die gesammelten Daten in Bezug und in einen Kontext gesetzt. Das Ergebnis: Der Engel aus dem Iran war geboren und eine Frau hat die Kontrolle über ihr Foto (Daten) und in der Folge ihre Heimat verloren.

Die Query-Öffentlichkeit

Michael Seemann schreibt: „Man muss im Internet die Öffentlichkeit von der anderen Seite, der Seite des Empfängers, aus neu denken. «Query» bezeichnet in der Datenbanktechnik eine Anfrage beliebiger Komplexität an einen Datensatz. Die neue Struktur von Öffentlichkeit nenne ich deswegen «Query-Öffentlichkeit». Die Query-Öffentlichkeit ist die positive Kehrseite des Kontrollverlusts. Sie ist das Stück Autonomie, dass der Empfänger von Informationen hinzugewinnt, welches der Sender der Information durch den Kontrollverlust verloren hat.

Für Neda Soltani ist die Autonomie des Empfängers sicherlich nicht die positive Kehrseite des Kontrollverlustes, den sie – ich möchte soweit gehen zu sagen bezüglich ihrer Identität, zumindest aber bezüglich ihres Fotos – erfahren hat. Die Autonomie des Empfängers – und ich möchte hier verschärfen – die Macht des Empfängers hat zwei völlig unabhängige Identitäten mit einander verknüpft und quasi eine neue geschaffen.

Relationale Datenbank als Paradigmenwechsel

Oder auch: So funktioniert die relationale Datenbank. Tedd Codd hat die relationale Datenbank entwickelt. Ein Konzept, dass die Kontrolle der Daten – ihre Ordnung und all ihre Möglichkeiten – aus den Händen derer nahm, die die Daten strukturieren und einstellen und sie jenen gab, die die Daten abfragen. Es gibt keine Ordnung, bevor eine Abfrage sie nicht ordnet. „Die relationale Datenbank ist ein Paradigmenwechsel in der Art, wie wir mit Informationen und Ordnung umgehen“, schreibt Michael Seemann in seinem Blog

Die Ordnung die Neda Soltani in die große Datenbank des „www“ eingab und von denen sie glaubte sie Kontrollieren zu können, wurde von denen, die sie abfragten eben neu geordnet.

Der Streisand-Effekt

Zum Kontrollverlust durch Wikileaks schreibt Michael Seemann: „Und wenn man eine Information wieder aus dem Netz herausbekommen will, hat man ein Problem. Nach den Versuchen der US-Regierung, Wikileaks zu schaden, indem man Dienstleister dazu brachte, Verträge mit ihnen zu kündigen, reagierten die Unterstützer von Wikileaks mit bis heute 1.426 Spiegelungen, also kompletten Kopien aller Daten des Wikileaks-Servers auf anderen erreichbaren Rechnern.“

Auch die 32jährige Neda Soltani unternimmt etliche Versuche, den Irrtum aufzuklären. Unter anderem löscht sie das Foto auf ihrer Facebook -Seite. Jedoch vermuteten Blogger hinter dem Verschwinden des Fotos eine Zensur der Behörden und Neda Soltani erlebte, was als Streisand-Effekt bezeichnet wird: Blogger kopierten ihr Foto auf hunderte Facebook-Seiten und versendeten es über Twitter.

Meine These:

Der Kontrollverlust einer Seite bedeutet vor allem eines: Machtgewinn der anderen Seite – die Macht Daten neu zu ordnen, in neue Kontexte zu stellen. Die Masse der Internetnutzer  – der autonome Empfänger – „ermächtigt“ sich.

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